Faktencheck Kirchengeschichte

Faktencheck KirchengeschichteBlogger-Kollege Josef Bordat hat ein neues Projekt gestartet: „Faktencheck Kirchengeschichte“. Ich habe ihn gefragt, was es damit auf sich hat.

N.K.: Du arbeitest seit einiger Zeit an einem neuen Projekt, dem „Faktencheck Kirchengeschichte“. Worum geht es da?

J.B.: Ich beschäftige mich schon seit einigen Jahren intensiver mit Kirchengeschichte, weil ich gemerkt habe, dass hier ein Schlüssel für das Verständnis der Kirche, aber auch für das Verständnis der Kirchenkritik liegt. Da ich viel im Internet unterwegs bin und mich an den Debatten zu Fragen von Glaube, Religion, Christentum und Kirche beteilige, ist es unerlässlich, die – oftmals falschen – Voraussetzungen zu kennen, unter denen Partei ergriffen wird, insbesondere auch gegen die Kirche. Mal so gesagt: Wenn das alles stimmen würde, was man sich in einschlägigen Foren über die Geschichte der Kirche erzählt, wäre ich längst ausgetreten!

Aus dieser Beschäftigung ist – neben gelegentlichen kirchenhistorischen Blogbeiträgen – dreierlei gewachsen: 1. eine demnächst erscheinende Parteischrift vom Katholiken für Katholiken, die vor allem Argumente für die Debatte im Internet geben soll und daher auch auf die besonderen Eigenheiten dieses Mediums eingeht, 2. daran angelehnt eine Serie für Radio Horeb („Faktencheck Kirchengeschichte“), die bereits angelaufen ist und zwölf Folgen umfassen soll und schließlich 3. eine jugendgerechte Aufarbeitung der Kirchengeschichte im Stile des YOUCAT, also: Fragen und Antworten zu den „Sünden der Kirche“, die einem Faktencheck unterzogen werden. Das ist ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Kirchenhistoriker Arnold Angenendt im Auftrag der YOUCAT-Foundation.

N.K.: In den bisher veröffentlichten Teilen geht es um altbekannte „Klassiker“: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung. Welche Themen sind noch geplant?

J.B.: Wir gehen bei der Radio Horeb-Reihe historisch vor, mit systematischen Vertiefungen, d.h. es ist ein Spaziergang durch die Kirchengeschichte, bei dem immer wieder auf das Ziel geschaut wird, die Gegenwart der Kirche. Der Zusammenhang ist oft sehr deutlich, man denke an die Christenverfolgung, das Eröffnungsthema, das schon die Jerusalemer Urgemeinde betrifft (ja: letztlich bereits Christus selbst), aber eben auch die Christenheit heute – in nie dagewesenem Maße. Manchmal muss man etwas tiefer schürfen, um zu erkennen, dass man einen Bogen spannen kann zwischen der historischen Epoche des Phänomens und unserer Welt heute. Aber es lohnt sich, diese globale Perspektive immer wieder einzunehmen.

Wir sind also jetzt mit den Hexen und Zauberern in der Frühen Neuzeit angelangt (die Sendung wird am 30. Juli ausgestrahlt) und jetzt kommen die Themen des letzten halben Jahrtausends. Geplant sind noch Folgen zur Mission, zum Dreißigjährigen Krieg, zum Thema Freiheit und Menschenrechte, zur Katholischen Soziallehre, zum Nationalsozialismus sowie zu drei ganz aktuellen Themen mit historischem Bezug: einmal wird es ums Geld gehen, also um die ganzen Fragen rund um die Kirchenfinanzierung, ein anderes Mal um die in der Geschichte immer mehr zunehmende Spannung von Glaube und Wissenschaft, und auch das Thema Missbrauch soll nicht ausgespart werden. Das sind dann zwölf Sendung insgesamt, eine pro Monat. Also, die Sendereihe läuft voraussichtlich bis März 2016.

N.K.: Der Titel „Faktencheck“ klingt so, als sei mit hunderprozentiger Sicherheit zu sagen, „wie es damals gewesen ist“. Entspricht das nicht eher einem Geschichtsbild des 19. Jh.s? Sind zeitgenössische Quellen nicht immer lückenhaft, subjektiv, parteiisch – und deshalb interpretationsbedürftig? Und spiegelt die historische Forschung nicht immer auch die Fragen und Interessen der jeweiligen Forschergeneration wider?

J.B.: Das ist richtig – mit „Fakt“ im Kontext historischer Ereignisse lehnt man sich immer sehr weit aus dem Fenster. Der Titel „Faktencheck“ soll andeuten, dass man sich der historischen Wahrheit (auch so ein umstrittender Begriff!) am besten dadurch annähert, dass man möglichst viele Seiten betrachtet, Quellen sinnvoll gewichtet und den Zusammenhang berücksichtigt. Ich habe den Verdacht, dass das im Bereich der Kirchengeschichte oft zu kurz kommt, die man ja entweder in kritischer oder apologetischer Absicht betreiben kann. Auch Historiker werden – bei aller Wissenschaftlichkeit ihrer Ansätze – gerne von der einen oder der anderen Seite vereinnahmt. Und natürlich treten auch Wissenschaftler mit einem bestimmten „Erkenntnisinteresse“ an ihren Forschungsgegenstand heran und sind insoweit nie „neutral“.

Es gibt viele negative Stereotype über die Kirche, die historisch begründet werden. Also etwa, dass sie gewaltsam, fortschrittsfeindlich, frauenverachtend, machtversessen etc. sei, dass sie die Juden hasse und ohnehin auf Lug und Trug basiere. Du findest für alles Belege – das sollte bei einer 2000-jährigen Geschichte auch nicht wundern. Du findest auch in der belgischen Geschichte der letzten 200 Jahre Gewalt, Fortschrittsfeindlichkeit, Frauenverachtung, Machtversessenheit und Judenhass. Oder in der dänischen. Oder in der Geschichte des DFB oder der FIFA, die beide gerade etwas älter sind als 100 Jahre. Das also kann es nicht sein…

N.K.: Sondern…?

J.B.: Der Punkt ist der: Sobald es um die Kirche geht, werden entscheidende Dinge – manchmal tatsächlich nachprüfbare „Fakten“ – gerne unterbelichtet, damit das schlechte Bild stimmig bleibt. Das ist eine ideologische Geschichtsauffassung, die seit der Aufklärung systematisch versucht, die Kirche mit historischen Hypotheken zu belasten. Dagegen schreibe und spreche ich. Mir geht es nun nicht darum, zu sagen: Stimmt alles nicht – es gab nie Gewalt, Fortschrittsfeindlichkeit, Frauenverachtung, Machtversessenheit, Judenhass und was sonst noch alles in der Kirche, sondern zu gucken, unter welchen Umständen es dazu kam und ob es vielleicht auch das glatte Gegenteil gab. Und siehe da: Wer forschet, der findet.

Ich muss dazu sagen, dass ich die geschichtswissenschaftliche Forschung nicht selbst betreibe. Das kann ich gar nicht. Ich werte sie aus, orientiert an der Frage, ob das, was man sich an schlimmen Dinge über die Kirche erzählt, wirklich der Wahrheit entspricht bzw. ihr auch nur nahe kommt. Ich stütze mich dabei insbesondere auf das Werk „Toleranz und Gewalt“ von Arnold Angenendt, der sich nicht nur bereit erklärt hat, am YOUCAT-Projekt mitzuarbeiten, sondern der auch sehr froh ist, dass ich mit meiner Arbeit dazu beitrage, seine wissenschaftlichen Forschungserträge zu popularisieren.
Noch einmal: Es geht ihm wie mir nicht um Apologie um der Liebe zur Kirche willen, sondern um eine faire, der historischen Wahrheit möglichst nahe kommende Betrachtung ihrer Geschichte. Nichts soll unter den Teppich gekehrt werden, aber es soll eben auch gezeigt werden, dass die Kirchengeschichte nicht nur aus Staub und Dreck besteht.

N.K.: Wie ist die Resonanz auf die Beiträge? Gibt es sachliche Diskussionen? Kannst du mit einem Faktencheck Kirchengeschichte Vorurteile abbauen? Oder wenigstens diejenigen argumentativ stärken, die sich zwar mit der Kirche identifizieren, aber kein großes Kirchengeschichtswissen haben?

J.B.: Die Resonanz ist – wie zu erwarten war – höchst unterschiedlich. Vom Radio Horeb selbst habe ich sehr positive Rückmeldungen erhalten – dort wird die Sendereihe sehr geschätzt. Ansonsten gibt es auch mal Kommentare, die bewusst oder unbewusst hinter den Forschungsstand zurückfallen und an den liebgewonnenen Klischees festhalten. Einer meinte sinngemäß, dass es ihm überhaupt nicht gefalle, wenn die Kirche verteidigt werde. Das gehöre sich quasi nicht, denn die Kirche gehöre ja abgeschafft und was abgeschafft gehört, verteidigt man nicht. Bei solch ideologischer Geschichts- und Kirchenauffassung bin ich natürlich machtlos. Weiterlügen, nur um seine Ruhe zu haben, ist aber auch keine Alternative. Ich will zeigen: Lass mich mit deinen Fakten in Ruhe – ich kenne meinen Deschner und der reicht mir! ist kein überzeugendes Argument, zumal Deschners Motiv, sich jahrelang mit Kirchengeschichte zu befassen, Hass auf die Kirche war, das hat er selbst mal so gesagt. Kein redliches Forschungsinteresse. Ebensowenig wie es die Liebe wäre, die ja bekanntlich „alles zudeckt“. Wissenschaft muss aufdecken.

N.K.: Nervt dich so eine Reaktion?

J.B.: Ich sehe das entspannt: Wenn „Verteidigung der Kirche“ als Absicht unterstellt wird, dann bin ich machtlos, denn unterstellen kann man alles. Wenn dies aber als Folge der Darstellung gesehen wird, dann habe ich mein Ziel erreicht. Vielleicht kann ich bei der einen oder dem anderen auch tatsächlich Vorurteile abbauen, zum Nachdenken anregen. Ich hoffe, dass das passiert, auch wenn sie das mir gegenüber nicht zugeben können oder wollen. Zielgruppe ist und bleibt aber die Kirche selbst, die katholischen Christen, aber nicht nur die, sondern auch die Protestanten – drei Viertel der Geschichte waren wir ja zusammen. Und einige Menschen scheinen das wirklich auch als Argumentationshilfe zu empfinden und zu nutzen. Das freut mich natürlich sehr.

Noch einmal: Das alles ist nicht mein Verdienst, sondern das der Historiker, die durch Quellenstudium und eine geeignete Kontextualisierung das Geschichtsbild verändern, sei es das von den Kreuzzügen oder das von der Hexenverfolgung oder auch das von Papst Pius XII. Mein Job ist es, diese Befunde in einer Form aufzubereiten, die eben nicht nur dem Fachpublikum zugänglich ist, sondern auch den Firmbewerbern in unserer Pfarrgemeinde.

N.K.: Wo kann man die Beiträge hören / lesen?

J.B.: Eine zentrale Anlaufstelle ist die Facebook-Seite zur Sendereihe. Dort gibt es die Ankündigungen der Sendungen, Links zu Podcasts bereits ausgestrahlter Sendungen und auch Verweise auf thematisch einschlägige Texte in meinem Blog. Und demnächst gibt es das Ganze auch in gedruckter Form im Buchhandel.

Lesetipp: Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster (Aschendorff) 7. Aufl. 2014