Sterben in Würde: Eine Lebenskunst

Gastbeitrag von Monika Metternich zur Woche für das Leben.

Woche für das Leben 2015„In Würde stirbt, wer anerkennt, dass sein Leben als solches unverfügbar ist.“ Ein sperriger Satz, der auch für Christen heute nicht ohne weiteres verständlich einleuchtet. „Unverfügbar“ – ist das Leben wirklich unverfügbar im Wortsinn? Auf der positiven Seite haben wir das alte Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ im Ohr, das aussagt, dass es in unseren eigenen Händen liegt, wie unser Leben verläuft. Auf der negativen Seite erlebt jeder, wie „verfügbar“ er in des Glückes Schmiede ist. Wenn Heidi Klum ihren jugendlichen „Topmodels“ munter zuruft: „Du musst den Kunden zufriedenstellen! Der Kunde bestimmt, was Du tun musst!“ wird sich manch einer erinnert fühlen an sein eigenes Berufs- und zuweilen sogar Familienleben, in dem „Verfügbarkeit“ ganz oben auf der Prioritätenliste steht.

Wenn nun schon im Leben von allerlei Seiten über uns verfügt werden kann, so scheint das Sterben ganz besonders unter dieser Angst der totalen Verfügbarkeit zu stehen, die letztlich gleichzusetzen ist mit dem totalen Verlust von Autonomie. Die Angewiesenheit eines Pflegebedürftigen auf Hilfe von außen selbst in den privatesten Verrichtungen, eine Gerätemedizin, die lebensrettend für den einen, ungewollt ans Leben fesselnd für den anderen sein kann, unstillbare Schmerzen – alles Argumente der gesellschaftlichen Debatte, bei der sich letztlich alle einig sind: „Das Leben als solches ist unverfügbar“. Die einen ziehen daraus den Schluss: „Mein Ende gehört mir“ und fordern ein Recht auf Sterbehilfe und assistierten Suizid. Für die anderen folgt aus dem Glauben, dass das menschliche Leben von Gott geschenkt ist, die Überzeugung, dass der Mensch keine volle Verfügungsgewalt über sein Leben haben könne – und deshalb sein Ende in die Hände seines Schöpfers legen solle. Beide Positionen sind unversöhnlich. Einerseits aus dem Grund, dass nicht alle Menschen an Gott glauben, sondern sich selbst als letzte Instanz der Verantwortung – auch gegenüber dem eigenen Leben – begreifen. Andererseits steht aber ebenso die Angst vor dem Sterben im Vordergrund, und das betrifft auch viele Menschen, die durchaus an Gott glauben.

So intensiv die Debatte über Sterbehilfe geführt wird, so ungern denkt der Einzelne über sein eigenes Sterben nach. Klar ist nur: Schmerzlos soll es sein, schnell soll es gehen. Viele wünschen sich, im Kreise der Familie und zuhause sterben zu können. In einer Zeit, in der Familienstrukturen sich verändern und zerbrechen, in der viele Menschen überhaupt keine Familie haben, wächst bereits im gesunden Leben ein mulmiges Gefühl, wie das eines Tages sein könnte mit dem Sterben: Wer wird mir beistehen? Werde ich leiden? Wer wird Sorge dafür tragen, dass ich es gut „schaffe“? Lieber nicht darüber nachdenken. Der gesellschaftliche Diskurs über die Sterbehilfe entlastet dabei: Sie bleibt für den (noch) nicht Betroffenen angenehm theoretisch. Mögen die vorgebrachten Beispiele Sterbewilliger noch so ans Herz gehend sein, mögen die Appelle derer, die das Leben unbedingt schützen wollen bis zum Tod auch philosophisch einleuchtend wirken (vor allem für Christen) – letztlich geht es immer um Andere. Siegmund Freud sah in der Verdrängung des Todes sogar eine menschliche Tendenz, die so weit gehe, dass im Grunde genommen niemand an seinen eigenen Tod glaube. Ein jeder hofft jedenfalls insgeheim, dass diese Frage nicht allzu nah an ihn selbst herankommt, zum Beispiel durch eine schwere Krankheit. Eine riesige Mehrheit antwortet auf die Frage, wie man sich den eigenen Tod wünsche: Schnell, unerwartet und schmerzlos.

Dabei könnte man es auch ganz anders sehen. Hierfür muss aber das gesamte Leben in den Blick genommen werden, zu dem der Tod nun einmal dazugehört. Stellen wir uns das Leben wie eine Reise vor, bei der bei Antritt nicht bekannt ist, wohin sie uns führen wird. Wer vor lauter Angst, wohin die nächste Etappe ihn wohl führen wird, ob man Neues entdecken, Aufregendes erleben oder vielleicht auch Gefahren zu bestehen haben wird, lieber im heimischen Sessel sitzenbleibt oder die Reise vorzeitig absagt, dem entgeht – sein Leben. Niemand würde den ängstlich daheim Verweilenden als „autonom“ beschreiben, obwohl er selbst es ist, der diese Entscheidung trifft.
Die Lebensreise autonom abzubrechen aus Gründen wie Angst vor Verfall, vor unerträglichen Schmerzen, vor dem Ausgeliefertsein würde bedeuten, sich selbst um eine womöglich entscheidende Erfahrung und Lebensetappe zu bringen. Suizid aus Angst vor dem Sterben ist schlicht ein Widerspruch in sich. Denn man stirbt auch dabei. Ob man aber genauso stirbt, ist eine Frage, die niemand beantworten kann.

Anlässlich einer Internetdiskussion über assistierten Suizid, Sterbehilfe und Tötung auf Verlangen las ich neulich folgende Sätze:

Könnte es nicht sein, dass das Ende auch so eine Sache ist, der man sich zu stellen hat? Sozusagen so eine Art letzte Herausforderung? Ist der Verzicht, die Ablehnung von Sterbehilfe nicht eine Form der Demut? Ist Demut für den modernen Menschen so unerträglich? Ich sage jetzt mal so: Ich habe den festen Willen, das im Ernstfall so durchzuziehen. Mein Onkel war genauso. Bei dem habe ich gesehen, wie das geht.

Ich muss gestehen, in der gesamten Debatte rund um die Sterbehilfe habe ich noch nie eine derart eindrucksvolle Stellungnahme für ein angenommenes, natürliches Sterben gelesen wie diese. Ich weiß nicht, ob der Diskutant gläubig oder nichtgläubig war. Aber ich meine, wir heutigen Christen könnten uns eine dicke Scheibe von seiner Einstellung abschneiden, um glaubhaft und sogar anziehend zu erklären, warum es sich lohnen könnte, bei der großen Lebensreise nicht die letzte und herausforderndste Etappe auszulassen – selbstbewusst und interessiert am letzten großen Rätsel, das das Leben für einen jeden von uns bereithält: Ob der Tod das Ende oder ein neuer Anfang ist.

Unsere Altvorderen entwickelten zu diesem Zwecke eine „Ars moriendi“ – die Kunst des guten Sterbens. Diese Kunst setzte nicht etwa erst am Sterbebett ein, sondern durchzog bereits das ganze Leben. Schon seit Platon gibt es eine philosophische Tradition, in der die Beschäftigung mit dem Tod als „Kerngeschäft der Philosophie“ gesehen wurde. Der Tod wirft danach nicht seine Schatten, sondern vielmehr sein Licht ins Leben voraus. „Tod“ bedeutete die Trennung der unsterblichen Seele vom vergänglichen Leib, was aber kein Verlust, sondern Gewinn darstellte: Die Befreiung von Uneigentlichen hin zur eigentlichen Existenz. Leben lernen und Sterben lernen waren deshalb untrennbar miteinander verbunden. Das Mittelalter erlebte nachgerade eine Blüte von Literatur über das „heilsame Sterben“, das eine lebenslange Aufgabe darstellte. Wesentlich dabei war das stete Sich-vor-Augen-Stellen des eigenen Todes – hier liegt wohl der größte Unterschied zu dessen heutigen Tabuisierung und Verdrängung aus dem Alltag. Eine kleine Erinnerung erfahren auch heutige Christen noch am Aschermittwoch, wenn es heißt: „Gedenke Mensch, dass Du Staub bist“. Die Realität nicht verdrängen, sondern annehmen, ist eine wesentliche Voraussetzung (selbst)bewußten Lebens. Ich werde sterben. Wer sich das bewusst macht, wird mitten im Leben schon offener für die noch ungelösten Fragen, die nicht nur das Leben selbst, sondern auch das Sterben oft so schwer machen. „Er kann einfach nicht loslassen“, bedeutet sehr oft Versäumtes, Verklemmtes, Verhärtetes. Was uns mitten im Leben schlaflose Nächte machen kann, kann auch das gute Sterben hindern: Unvergebenes, Unerledigtes, nicht erfolgte Wiedergutmachung, Nichtloslassenkönnen von Sorgen, Bedrängnissen und geliebten Menschen. Die dramatischen Prozesse des Lebens zwischen Furcht und Hoffnung, Festhalten und Hingabe, Verweigerung und Annahme durchziehen unser ganzes Leben.

Diejenigen Faktoren, die jedem von uns – zurecht – Angst machen, sind die ungewollte künstliche Verlängerung des Lebens an Maschinen, das Ausgeliefertsein, unstillbare Schmerzen. Wer sich schon im Leben mit seinem Sterben beschäftigt, wird auch Vorsorge treffen, die nicht nur ein Testament, sondern auch eine Patientenverfügung enthält. Diese mit seinem Arzt im Detail durchzusprechen, bedeutet nicht nur, sich vorzeitig mit dem eigenen Sterben beschäftigen zu müssen, sondern auch die Sicherheit, am Ende nicht gegen den eigenen Willen am Leben erhalten zu werden und so einem seelenlosen Automatismus hilflos ausgeliefert zu sein. Was schwerste Schmerzen angeht, so ist es der der Medizin heute möglich, diese bei so gut wie allen Patienten auszuschalten. In Frankreich wird gerade beraten, ob man Sterbende nicht sogar narkotisieren solle, wenn ihre Schmerzen unerträglich sind. All das trägt zur Linderung bei, auf dass die letzte, große Herausforderung des Lebens autonom angenommen werden kann: Wenn nämlich das „Ich“ an seine Grenze kommt, so dass es aufhören muss, „zu denken, zu verstehen, zu erwarten, zu lenken“. Wie die Sterbeforscherin Monika Renz erklärt: „Das Ich muss sich selbst als ‚Ich‘ preisgeben“. Eine der Schwierigkeiten beim Sterben, so Renz, liege darin, in diese radikale Wandlung einzuwilligen. „Gelingt dies in Offenheit statt in Verhärtung, so entspannen sich Körper und Seele, können Medikamente besser greifen, kann ein innerer, seelischer Prozess der Transformation voranschreiten.“

Und genau hier liegt die spirituelle Hilfe, die wir Christen all denen zu geben haben, die ihr Leben bewusst bis zum letzten Atemzug im Wortsinn ausleben wollen und dies als wesentliche Herausforderung ihrer Autonomie erkennen. Basis dafür ist unser Glaube an Gott, den Urgrund allen Seins, der selbst Mensch wurde, um persönlich jedem einzelnen Sterbenden vorzuleben, an welches Ziel diese letzte bewusste, autonome Selbstentäußerung führt: „Auf dass du ganz du selber werdest und in Gott deine Erfüllung findest“ (Franz von Sales).

Monika MetternichMonika Metternich lebt und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Bonn
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Ein Gedanke zu “Sterben in Würde: Eine Lebenskunst

  1. Seit ich das Sterben meines besten Freundes (der sich auf sein Lebensende genau so vorbereitet hat, wie oben empfohlen wird) an einem Astrocytom mit erleben und mit leiden musste, hat sich meine Einstellung zum ärztlich unterstützten Freitod, wie er schon in etlichen Ländern möglich ist, um hundertachtzig Grad gedreht.
    Ich habe auch immer geglaubt, dass die Medizin heute so weit wäre, den Menschen ein wenigstens halbwegs sanftes Ende gewähren zu können. Das ist bei weitem nicht so und in schlimmen Fällen hilft noch nicht einmal die terminale Sedierung.

    Seither verstehe ich, dass Brittany Maynard den Freitod durch ein Hypnotikum gewählt hat und nicht gewartet hat, bis ihr Gehirntumor ihr Gehirn zerquetscht hat und hoffe sehr, dass diese Möglichkeit auch bei uns bestehen wird.
    Wer die Euthanasie durch freiwilligen, sanften Tod ablehnt muss, allen Unkenrufen zum Trotz, dies ja nicht tun. Nur weil Circumcision für manche Menschen eine „heilige Pflicht“ ist, heisst dies ja nicht, dass Mädchen und Frauen beschnitten werden dürfen, oder gar müssen.
    Religiöse Verbote sind von einer säkularen, rechtlichen Erlaubnis zum unterstützten Freitod ja genau so wenig berührt, wie die Zivilehe für gleichgeschlechtlich Liebende den Anspruch auf deren kirchliche Trauung begründet.

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