Selbstbestimmtes Sterben in Würde?

Gastbeitrag von Josef Bordat zur Woche für das Leben.

Woche für das Leben 2015In der Debatte um Sterbehilfe rückt sehr schnell ein Begriff in den Mittelpunkt: Selbstbestimmung. Auf diese habe der Mensch ein Recht – immer. Ist es nicht tatsächlich der höchste Ausdruck von Würde, in der Frage nach Leben und Tod selbst eine Entscheidung zu treffen? Wenn nicht da, wo sonst? Schauen wir, was aus Philosophie, Theologie und Kirchenlehre zur Beantwortung dieser Frage entnommen werden kann.

1. Subjekt und Sittlichkeit. Immanuel Kant

Vertreter dieser Idee von Suizid und Sterbehilfe aus Selbstbestimmung berufen sich oft auf den Subjektivismus Immanuel Kants, auf sein Konzept der autonomen Selbstgesetzgebung, mit welcher der Mensch in seiner Freiheit beauftragt sei. Sie übersehen dabei, dass sich Kant gegen Selbsttötung ausgesprochen hat. Kant meinte nämlich: „Das Subjekt der Sittlichkeit in seiner eigenen Person vernichten, ist eben so viel, als die Sittlichkeit selbst ihrer Existenz nach, so viel an ihm ist, aus der Welt zu schaffen.“

Zunächst: Jede Selbstbestimmung hat Grenzen – denn Niemand lebt allein. Doch selbst dann, wenn der Mensch allein lebte, gäbe es Grenzen seiner Verfügungsmacht über sich und das in ihm wohnende Menschliche (Kant nennt es Sittlichkeit oder moralisches Gesetz). Es gibt also Pflichten gegen unser Menschsein als solches, die wir auch dann nicht verletzen dürfen, wenn sich alle Menschen, die eine Entscheidung äußerlich etwas angeht, einig sind.

Es handelt sich um Entscheidungen, die gegen das Wesen und die Würde des Menschen gerichtet sind. Hier ist der Autonomie des Menschen eine letzte Grenze gezogen: eben jene Würde, die heute gerade als Grund für ein schrankenloses Selbstbestimmungsrecht herhalten muss. Doch Würde umfasst mehr als das, was einen einzelnen Menschen angeht, mehr als seinen Körper und seine Seele. Es geht um die Würde, die in uns wohnt, uns zugleich aber übersteigt und uns letztlich entzogen ist. Auch die „schafft man aus der Welt“, wenn man sich das Leben nimmt oder nehmen lässt.

Selbsttötung und Sterbehilfe gehören also zu diesen gegen das Wesen und die Würde des Menschen gerichteten Entscheidungen. Es handelt sich um Taten gegen die „natürliche Lebenspflicht“ des Menschen (so Kant), um Handlungen, mit denen sich das empirische Subjekt (der einzelne Mensch) gegen die Transzendentalsubjektivität des Menschen erhebt, gegen die „Menschheit“ (nach Kant das „vernünftige Weltwesen“, das der Mensch als „Urbild seiner Handlungen in seiner Seele trägt“ und das in „moralischer Vollkommenheit“ geschaffen ist), also das über den einzelnen Vertreter der Menschheit hinausgehende Menschsein, die gedankliche Vorstellung davon, was den Menschen wesentlich ausmacht, was ihn zum Menschen macht, kurz: seine Sittlichkeit, seine Würde.

Selbsttötung und Sterbehilfe widersprechen also der Menschenwürde. Immer. Weil ich nicht nur meinen Körper zerstöre, der mir gehört, sondern etwas, das mir nicht gehört: die Würde. Wer das Subjekt vernichtet, „schafft auch das aus der Welt“, was es überhaupt erst zum Subjekt macht – und schadet damit dem Prinzip der Subjektivität. Es ist also ein Missbrauch von Selbstbestimmung, diese so weit zu fassen, dass auch die Vernichtung ihrer Voraussetzung, das Subjektsein des Menschen, darunter fällt. Soweit kommen wir mit Immanuel Kant.

2. Ebenbild und Menschenwürde. Christentum

Eine noch deutlichere Ablehnung von Selbsttötung und Sterbehilfe erwächst aus dem Begriff der Würde, wie ihn das Christentum prägt. Die christliche Theologie verleiht dem Menschen eine unveräußerliche Würde, eine dignitas humana, die direkt aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen erwächst. Als Abbild Gottes ist dem Menschen personale, subjektive Würde verliehen. Ausgangspunkt der christlichen Anthropologie ist die Geschöpflichkeit des Menschen. Gott schuf den Menschen als sein Abbild, so steht es gleich dreimal hintereinander in der Genesis (Gen 1, 26-27).

Gottebenbildlichkeit ist demnach eine Gabe Gottes, die sich durch Unverfügbarkeit für den Menschen auszeichnet. Sie ist keine Qualität des Menschen, sie besteht nicht in etwas, das der Mensch ist oder tut, sondern sie besteht, indem der Mensch selber und als solcher besteht, als ein Gottes Geschöpf. Er wäre nicht Mensch, wenn er nicht Gottes Ebenbild wäre. Er ist Gottes Ebenbild, indem er Mensch ist. Damit ist die Würde des Menschen, die aus der Gottebenbildlichkeit erwächst, unveräußerlich, nicht von ihm zu trennen, weil die Gottebenbildlichkeit nicht von ihm zu trennen ist.

So ist der Mensch als geschaffenes Ebenbild Gottes von seinem Ursprung, seinem Wesen und seinem Ziel her nicht eigenbestimmt, seine Würde ist, im Sinne Luthers, eine dignitas aliena, eine „fremde Würde“. Der Mensch konstituiert sich also nicht in völliger Autonomie als selbstbestimmtes Subjekt, sondern bleibt dem Objekt in einer heteronom gestalteten Beziehung zugewandt. Gerade dadurch erhält der Mensch nicht nur eine ihm „fremde“, sondern eine ihm entzogene Würde, eine absolute Würde, die nicht Gegenstand konventionaler Überlegungen der Gemeinschaft oder subjektiver Entscheidungen des Menschen sein kann.

Ohne die absolute Würde wird der Mensch zum Spielball von Interessen, kann instrumentalisiert werden und verliert den Anspruch auf unbedingte Achtung seines Lebensrechts. Die Abschaffung der Sklaverei etwa konnte nur gelingen, weil sich Christen vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes für die Freiheit des Menschen einsetzten. Die christliche Stimme ist heute die einzige, die sich noch vernehmbar für den unbedingten Schutz des menschlichen Lebens erhebt, eben weil es im Christentum eine absolute, von Gott her bestimmte Würde zu schützen gilt.

3. Achtung vor der Person. Katholische Kirche

Die Positon der Katholischen Kirche fasst diese Überlegungen zu Subjektivität, Sittlichkeit und Würde in der Forderung nach „Achtung vor der menschlichen Person“ zusammen. In der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: „Was ferner zum Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und auch der freiwillige Selbstmord; was immer die Unantastbarkeit der menschlichen Person verletzt, wie Verstümmelung, körperliche oder seelische Folter und der Versuch, psychischen Zwang auszuüben; was immer die menschliche Würde angreift, wie unmenschliche Lebensbedingungen, willkürliche Verhaftung, Verschleppung, Sklaverei, Prostitution, Mädchenhandel und Handel mit Jugendlichen, sodann auch unwürdige Arbeitsbedingungen, bei denen der Arbeiter als bloßes Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche Person behandelt wird: all diese und andere ähnliche Taten sind an sich schon eine Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur, entwürdigen weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden. Zugleich sind sie in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers.“ (Gaudium et Spes, Nr. 27)

Wenn nun jemand sein eigenes Leben auslöscht, fallen Unrecht tun und Unrecht erleiden in eins. Um wieviel größer ist damit die Entwürdigung des Menschen und der Widerspruch gegen die Ehre Gottes! Die Selbstbestimmung des Subjekts endet für die Katholische Kirche also dort, wo durch die Handlung das Objektive verletzt wird: die Würde des Geschöpfs, die Ehre des Schöpfers und das, was als wesentlicher Teil der sich in Freiheit entfaltenden Schöpfung gelten kann: die menschliche Kultur.

Sterbehilfe in all ihren Erscheinungsformen kann weder das Recht auf Selbstbestimmung noch die Achtung der Würde für sich reklamieren, wie ein Blick auf die Philosophie Kants, die christliche Theologie und die Lehre der Katholischen Kirche zeigt. Dass dies dennoch geschieht, selbst im Rahmen der innerkirchlichen Debatten, ist wohl nur mit einem Mangel an ideen- und kirchenhistorischer Information zu erklären, schlicht damit, dass Konzepte verwendet werden, von denen man nicht weiß, was sie bedeuten.

Josef BordatJosef Bordat, Wirtschaftsingenieur und promovierter Philosoph, arbeitet als freier Autor (u.a. „Das Gewissen„) und nimmt mit seinem Weblog „Jobo72“ aktiv am Austausch innerhalb der kath. Bloggerszene teil.
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