Exoten – Überlegungen zu einem Cartoon

Nach dem Bloggertreffen habe ich die „Plaßmann-Challenge“ ausgerufen. Ausgangspunkt waren die Überlegungen des Pastoraltheologen Prof. Matthias Sellmann zum Cartoon „Exoten“ von Thomas Plaßmann. Ich freue mich, dass wir diese Überlegungen hier in der Sende-Zeit in einem Gastbeitrag veröffentlichen können (Norbert Kebekus). 

Thomas Plaßmann: Exoten

© Thomas Plaßmann

Der Essener Cartoonist Thomas Plaßmann hat mit seiner Zeichnung „Exoten“ ganz eindrücklich auf den Punkt gebracht, welche gesellschaftlichen Faktoren heute die Situationen der Glaubensweitergabe bestimmen. Sein Cartoon erlaubt es auf unterhaltsame Weise, tief in diese Analyse einzusteigen.

Die Situation

Fünf Personen stehen herum – in einem Flur vielleicht, einer Halle, einem Museum. Jedenfalls stehen sie an einem öffentlichen, einem säkularen Ort. Man sieht sie im Gespräch. Körperhaltungen, die entspannte Atmosphäre und die Offenheit des durch die Personen gebildeten Kreises signalisieren eine Small-Talk-Atmosphäre. Man steht eher zufällig zusammen, und man wird auch wieder auseinandergehen. Der Fachjargon spricht hier von einer „Passage“. Frei übersetzt heißt das: Das Leben hat diese Personen für einen Moment zusammengebracht – und es ist ein sympathischer Moment – aber es entsteht keine tiefere soziale Bindung. Muss ja auch nicht. Man steht, man spricht, man guckt, man lacht.

Das Bild blendet uns als Beobachter der Szene ein, als gerade etwas passiert ist. Einer, der zweite von rechts, guckt ziemlich verdutzt, fast ängstlich: Er hat dem Verlauf des Gespräches einen Akzent verliehen, der von ihm so gar nicht geplant gewesen war, der ihm so herausgerutscht ist. Dieser Akzent hat mit seinem Christsein zu tun – er muss irgendwie erzählt haben haben, dass er Christ ist. Und diese Vorlage wird nun von einem anderen Teilnehmer der Runde zu einer ganz charakteristischen Nachfrage genutzt: „Christ?! … Ach! Interessant … Und was macht man da so?…“ Der da so fragt, ist vom Zeichner mit feinen Strichen profilierter dargestellt als die anderen Personen: Er hat kein Bierglas in der Hand, hält die Hände verschränkt und steht dem Christen frontal gegenüber. Zackiger Haarschnitt, moderne Brille und Hakennase verleihen ihm eine zugleich gelassene, selbstbewusste und herausfordernde Ausstrahlung. Man merkt: Der will eine Antwort.

Der Frager

In der an den Christen gestellten Frage stecken vier wichtige Grundeinsichten, die bedenken sollte, wer heute neue Formen von Glaubensverkündigung in Angriff nimmt.

  1. Die Frage ist nicht rhetorisch – man weiß die Antwort wirklich nicht.
  2. Christsein ist interessant – mehr erst einmal nicht.
  3. Interessant ist der konkrete Nutzen des Christseins für das Leben.

Etwas abstrakter kann man sagen: In den meisten Fällen werden solche Begegnungen wie die obige vor dem Hintergrund ablaufen,

  • dass der Frager über nur noch wenig kulturelles Gespür und Wissen zu religiösen Inhalten verfügt;
  • dass der Frager nicht existentiell dramatisch verunsichert ist, sondern natürlich potentielle Antworten erst mal selber in das einbaut, was er sich in seinem Leben bereits an Sinnhaftigkeit erarbeitet hat;
  • dass der Frager einen Nutzen von der Antwort erhalten möchte. Dieser Nutzen wird v.a. biografisch erwartet (Wie gelingt mein Leben besser?) oder sozial (Zu wem kann ich gehören?).

Im Grunde zielt die pragmatische Frage „Was macht man da so, als Christ?“ auf den Alltagsnutzen des Christseins. Wenn man so will, geht es um religiöse Lebenskunst.

Der Antworter

Der Antworter (oder die Antworterin) steht also unter bestimmten Bedingungen. Er/Sie muss drei Kompetenzen besitzen:

  1. Er/Sie sollte im Alltag verkündigungskompetent sein – also an kulturellem, nicht nur an kirchlichem Ort.
  2. Er/Sie sollte auskunfts- und sprachfähig sein auf die Wurzelerfahrung des Christlichen – also nicht irgendwas Banales antworten, sondern etwas Relevantes, das aber gleichzeitig attraktiv ist und zum Fortgang des Gespräches ermuntert.
  3. Er/Sie sollte die Lebenswelt des Fragers kennen, respektieren und in den Dialog einbeziehen – also vom Anderen her erschließen, was es wie zu verkünden gibt.

Die Herausforderung

Spannend ist also die Antwort, die sich in dem so gesteckten Rahmen bewähren will. Das ist die Plaßmann-Challenge.

Matthias SellmannProf. Dr. Matthias Sellmann ist Professor für Pastoraltheologie an der kath.-theol. Fakultät der Ruhr-Uni Bochum und Leiter des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (ZAP).
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