Entrüstung am Bodensee

Am 28. Juni, dem 100. Jahrestag des Attentats in Sarajewo, fand eine u.a. von der katholischen Friedensbewegung Pax Christi organisierte Friedensdemo auf dem Bodensee statt. Unser Kollege Markus Weber, Leiter der Pax-Christi-Diözesanstelle, berichtet von der Veranstaltung.

Friedensdemo

Foto: Markus Brändli

Die Gegensätze könnten kaum größer sein, die man an diesem sommerlichen Samstagabend in Friedrichshafen am Bodensee wahrnehmen kann. Während auf der einen Seite rund 600 vorwiegend schwarz bekleidete Lack- und Leder-Fans sich am Hafen für ihre Fahrt mit dem „torture-ship“ bereit machen, spuckt ein „Ökumenisches Friedensschiff“ ein buntes Völkchen mit rund 200 Teilnehmern einer Friedenswallfahrt gerade wieder an Land.

Die einen hatten im Vorfeld ihres schon traditionellen Treffens erstmals Proteste  gegen ihr geplantes Sado-Maso-Schiff einstecken müssen. „Ein Touri-Dampfer als Swinger-Club? Nicht an unserm schönen Bodensee!“, entrüstete sich so manch einer.

Die anderen, mit bunten Pace-Fahnen und Transparenten ausgestatteten Teilnehmer des Friedensschiffes, waren dagegen erstmals hierher gekommen. Auch sie wollten protestieren; allerdings nicht gegen diejenigen, die hier seit Jahren auf dem Bodensee ihrer Lust am Leiden nachgehen wollen, sondern gegen diejenigen, die hier am schwäbischen Meer mit ihren Rüstungsprodukten seit rund hundert Jahren dazu beitragen, dass von Deutschland aus vielfaches Leid in alle Welt exportiert werden kann.

Für die Friedensbewegten des von der katholischen Friedensbewegung „pax christi“ und der Ökumenischen Aktion „Ohne Rüstung Leben“ organisierten Treffens steht jedenfalls fest, dass die rund 15 Rüstungsbetriebe mit ihren rund 7 000 Beschäftigten hier am Bodensee nicht unwesentlich dazu beitragen, dass sich Deutschland in den letzten Jahren den zweifelhaften Titel „Europameister“ beim Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern erworben hat. Eine Tatsache, die den wenigsten beim Besuch dieses idyllischen Fleckchens Deutschlands in den Sinn kommen dürfte.

Bei einer Mahnwache am Buchhornplatz in Friedrichshafen kritisieren die Friedensaktivisten dann vor allem die deutschen Lieferungen von Rüstungsgütern an Drittstaaten. Deren Umsatz sei innerhalb eines Jahres von 2,6 auf 3,6 Milliarden Euro gestiegen. Seltsam: Da sprechen Politik und Rüstungslobby beim Thema Rüstungsexporte immer wieder von strengen deutschen Richtlinien, und dann liefert Deutschland immer mehr an diktatorische und menschenrechtsverletzende Staaten wie Saudi-Arabien oder Katar. Gerade vor dem Hintergrund der Rolle Deutschlands im vergangenen Jahrhundert ist das nicht zu akzeptieren.

Das sehen auch die Teilnehmer dieses Treffens so, die aus allen drei Anrainerstaaten des Bodensees hierher gekommen sind. Für ihren Protest jedenfalls hätten sie sich keinen besseren Tag und Ort aussuchen können. Denn schließlich jährt sich an diesem 28. Juni 2014 zum 100. Mal das Attentat von Sarajevo, das der Anlass für den Beginn des Ersten Weltkriegs war. In Friedrichshafen erinnern die Friedensaktivisten mit ihrem Treffen an die 17 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs, die auch mit Rüstungsmaterial aus Friedrichshafen und der Bodenseeregion getötet worden sind. Sie machen aber auch darauf aufmerksam, dass heute immer noch Krieg als Mittel der Politik in Deutschland akzeptiert wird. „Mit unserem ökumenischen Friedensschiff wollen wir ein deutliches ziviles und ökumenisches Zeichen gegen Krieg, Rüstung und Rüstungsexporte setzen, den Opfern eine Stimme geben und die Verantwortlichen beim Namen nennen. Statt Kriegsschiffe zu exportieren, werben wir für die Produktion von Rettungsbooten und Friedensschiffen und für den Ausbau und die Intensivierung von Städtepartnerschaften – wie die seit 1972 bestehende Partnerschaft zwischen Friedrichshafen und Sarajevo.“, sagt Paul Russmann „Ohne Rüstung Leben“ und Sprecher der Kampagne „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“.

Bevor es für die Teilnehmer des Aktionstages am Bodensee jedoch auf das Friedensschiff geht, auf dem sie einen ökumenischen Gottesdienst feiern und von dem aus sie anschließend in Lindau-Bad Schachen an Land gehen, um die dortigen Friedensräume zu besuchen, starten die Friedensbewegten noch einen Demonstrationszug durch die Stadt und ziehen angeführt von einer Samba-Band vor die Tore von Rolls Royce Power Systems, früher MTU. Sie alle verbindet die Hoffnung, dass es gelingen möge, die Betriebe am Bodensee in nicht allzu ferner Zukunft auf eine ausschließlich zivile Produktion umzustellen, wie das Statement des katholischen Betriebsseelsorgers Werner Langenbacher deutlich macht.  Aber auf eine solche Art der Entrüstung am Bodensee müssen sie leider noch warten.

Markus Weber
Markus Weber
Leiter der Diözesanstelle Pax Christi
im Erzbistum Freiburg