Neue Publikation: Kirchenrecht in den Medien

Buch: Kirchenrecht in den MedienDie Institute für Kirchenrecht an den katholisch-theologischen Fakultäten der Unis Münster und Bochum habe eine Studie mit dem Titel „Kirchenrecht in den Medien“ publiziert. Ich hatte Gelegenheit, Christian Wode, der als wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Untersuchung beteiligt war, für unser Blog zu interviewen.

N.K.: „Kirchenrecht in den Medien“ – dieser Titel klingt nicht nur ungewöhnlich, sondern auch ein wenig sperrig. Worum geht es bei der Studie?

C.W.: Die Studie geht der Frage nach, inwiefern kirchenrechtliche und kirchenpolitische Fragestellungen in den Fokus der Medienberichterstattung geraten und in welcher Hinsicht Kirchenrecht und Kirchenrechtswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen von Medienschaffenden wahrgenommen werden. Untersuchungsgegenstand waren in unserem Fall die Hauptausgaben der Nachrichtensendungen von ARD und ZDF aus dem Jahr 2010. Die Studie liefert eine Bestandsaufnahme und zeigt die Relevanz von kirchenrechtlichen Themen in der täglichen Nachrichtenlandschaft auf.

N.K.: Wie kam es dazu?

C.W.: Die Idee zu dieser Untersuchung entstand im Jahr 2009. Wenn man sich die Berichterstattung über die katholische Kirche in diesem Jahr einmal näher ansieht, fällt auf, dass vor allem Nachrichtengegenstände mit kirchenrechtlichem Gehalt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten sind. Zum einen waren die Piusbruderschaft und Bischof Williamson ein großes Thema (Aufhebung der Exkommunikation; Leugnung des Holocaust). Zum anderen wurde über den Fall Zapp ausführlich berichtet, wo es um die Gültigkeit einer Kirchenaustrittserklärung ging.

Wir wollten mit der Studie überprüfen, ob diese „großen Skandal-Themen“ eine Ausnahme bilden. Wir sind davon ausgegangen, dass Kirchenrecht in den Berichten über Kirche regelmäßig seinen Platz hat – auch wenn dies nicht immer so offensichtlich der Fall sein mag wie in den genannten Beispielen.

N.K.: Nun war 2010 für die Katholische Kirche ein Krisenjahr, das man mit den Stichworten „Missbrauchsskandal“ und „Bischofsrücktritt“ skizzieren kann. Hinzu kam der Ökumenische Kirchentag mit der Diskussion um die Interkommunion bzw. das „gemeinsame Abendmahl“. Welche Erkenntnisse hat die Untersuchung bei diesen Themen ergeben, und welche anderen Themen spielten noch eine Rolle?

C.W.: Damit sind die großen Themen bereits genannt, das ist richtig. Das vierte große kirchenrechtlich relevante Thema war der Fall Schüth. Hier ging es um die Kündigung eines Kirchenmusikers aus dem Bistum Essen, die von der Dienstgeberin mit dem Ehebruch des Dienstnehmers begründet wurde – ein Verstoß gegen die kirchlichen Loyalitätspflicht.

Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und ihren Einrichtungen nahmen einen Großteil der Berichterstattung im Jahr 2010 ein. Es verging kaum ein Monat ohne Beiträge zu diesem Thema. Insgesamt 174 Beiträge behandelten den Missbrauchsskandal – das entspricht rund 34% der gesamten Berichterstattung über Kirche und Religion im Jahr 2010. Neben den Taten und den Fragen nach Gründen enthüllten die Medien strukturelles Unrecht: das Ausmaß der amtskirchlichen Vertuschung der Taten, ebenso rechtliche Bedingungen, die das Verschleiern begünstigten. So ging es immer wieder um die Versetzung oder Suspendierung von straffällig gewordenen Klerikern, die Leitlinien der DBK zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch aus dem Jahr 2002 sowie die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat bei der Aufklärung der Fälle.

Mit dem Rücktritt Walter Mixas als Bischof von Augsburg befassten sich 37 kirchenrechtlich relevante Beiträge. Hier war für uns besonders spannend, dass die Redakteure von ARD und ZDF erhebliches Interesse an den „kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen“ oder besser gesagt den ämterrechtlichen Hintergründen eines solchen Rücktrittgesuchs zeigten, das ja an und für sich nichts Außergewöhnliches darstellt. Im heute journal vom 8. Mai 2010 war sogar eine Grafik zu sehen, in der Canon 401 § 2 CIC/1983 zitiert wurde.

Viel mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten – für eine ausführliche Ergebnisdarstellung empfehle ich natürlich unser Buch.

N.K.: Das Kirchenrecht ist nicht nur für viele engagierte Katholiken ein fremdes Terrain. Außenstehenden fehlt zuweilen das Verständnis, dass es überhaupt so etwas wie ein eigenes Kirchenrecht gibt, weil dann schnell Gedanken an eine Sonderwelt oder an eine Parallelgesellschaft aufkommen. Wie sieht das bei den öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen aus?

C.W.: Wir sind bei der Analyse auch auf die Verständlichkeit der kirchenrechtlichen Nachrichtenaspekte eingegangen. Damit wollten wir prüfen, ob Kirchenrechtliches auch für Rezipientinnen und Rezipienten ohne Grundkenntnis der Materie bzw. kirchenrechtliches Vorwissen verständlich ist. Auch die inhaltliche Richtigkeit der getätigten Aussagen haben wir analysiert.
Es kam heraus, dass die Darstellung kirchenrechtlicher Sachverhalte in der Regel sachlich-informierend und wertungsfrei erfolgt. Dabei wird der rechtliche Nachrichtengehalt meist in knapper Form und vereinfacht dargestellt. Er wird aber nicht so vereinfacht, dass er missverständlich würde. Überwiegend wurde die Rechtsmaterie inhaltlich richtig präsentiert.

Insgesamt 43 Fachbegriffe mit kirchenrechtlichem Bezug wurden innerhalb des gesendeten Materials ermittelt – nur 17 wurden in den Beiträgen erläutert und direkt mit dem Recht der Kirche in Verbindung gesetzt. Die Apostolische Visitation wird zum Beispiel als „Untersuchung durch einen päpstlichen Sonderbeauftragten“ beschrieben. Ging es um das Papstwahlrecht, so wurden die Kardinäle als das Wahlgremium sowie die Altersbegrenzung ihrer Wahlberechtigung in den Blick genommen und anschaulich erläutert.

An wenigen Stellen wurden falsche oder missverständliche Aussagen über kirchenrechtliche Sachverhalte getätigt bzw. Fachtermini nur mangelhaft erläutert, so dass sich das Berichtete von Zuschauerinnen und Zuschauern ohne kirchenrechtliche Vorbildung oder nähere kirchliche Organisationskenntnis kaum erschließen lässt: Aus dem Diözesanadministrator Josef Grünwald wurde in einer heute-Sendung der „Domadministrator“ von Augsburg – ein Amt, das es gar nicht gibt –, so dass sich folglich auch nicht verstehen ließ, warum nun diese Person genannt wurde. Ein weiteres Beispiel ist die Bischofskonferenz, die in mehreren Beiträgen als eine zeitlich begrenzte Zusammenkunft von Bischöfen – im Sinne einer Tagung bzw. Konferenz – dargestellt, wodurch ihr Charakter als ein auf Dauer bestehender Zusammenschluss der katholischen Bischöfe aller Diözesen Deutschlands unter den Tisch fällt und so falsche Vorstellungen bei den Rezipientinnen und Rezipienten geweckt werden.

N.K.: Welche Folgerungen oder Empfehlungen für die kirchliche Medienarbeit ergeben sich Ihrer Meinung nach aus der Studie?

C.W.: Wir konnten in unserer Studie feststellen, dass an ranghohen Kirchenvertretern ein besonders hohes Medieninteresse besteht. Vor allem Erzbischof Robert Zollitsch war im Jahr 2010 bei den Medienschaffenden gefragt. Er war in insgesamt 41 Einzelbeiträgen zu sehen – doppelt so häufig wie Benedikt XVI. Das wird sich vermutlich mit Papst Franziskus ändern, der stärker als „Medienpapst“ gilt und weniger zurückhaltend im Umgang mit Medienvertreterinnen und -vertretern ist.

Deutlich wird: Es besteht echtes Medieninteresse an „starken“ kirchlichen Persönlichkeiten. Kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kann ich daher nur empfehlen, sich den „weltlichen“ Medien gegenüber ansprechbereit zu zeigen. Wer bereit ist, Rede und Antwort zu stehen, wird auch gerne gefragt. Aber das passiert in zahlreichen Pressestellen der Bistümer ja bereits und ist keine Erkenntnis oder ein Ergebnis unserer Studie.

Den Redakteuren von ARD und ZDF würde ich empfehlen: Interviewt mehr Kirchenrechtler! Manche von denen sehen auch vor der Kamera ganz gut aus. Nein, im Ernst: Es dürften doch etwas häufiger Kirchenrechtsexperten befragt werden, wenn es um Kirchenrechtliches geht. Denn das hilft, die Kirche und ihre Eigenart besser zu verstehen: Sie ist nämlich eine Glaubensgemeinschaft – aber in Rechtsgestalt! – und das versteht man am besten, wenn man diejenigen fragt, die sich in rechtlichen Strukturfragen auskennen.

Das Buch:
Judith Hahn, Thomas Schüller, Christian Wode,
Kirchenrecht in den Medien
216 Seiten, 1. Auflage 2013
Verlag: UVK
Weitere Infos unter www.kirchenrecht-in-den-medien.de

Christian WodeChristian Wode ist Diplomtheologe und wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchenrecht der Ruhr-Universität Bochum. Zuvor war er als wiss. Mitarbeiter am Institut für Kanonisches Recht der WWU in Münster tätig, wo er als Projektassistent für die Durchführung des Projektes „Kirchenrecht in den Medien“ zuständig war. Seit 2005 befasst er sich mit Themen im Schnittfeld von Theologie und Medien.