23.02.2011

Memorandum Freiheit und Petition pro ecclesia – Dialog, Debatte oder Frontenbildung?

Diskussion

Diskussion - Skulptur von Nanna Ullmann

Seit Anfang Februar sorgt das von mittlerweile 236 Theologieprofessorinnen und -professoren unterzeichnete Memorandum “Kirche 2011 – ein notwendiger Aufbruch” für innerkirchliche Diskussionen, für Zuspruch und Widerspruch. Unter der Webadresse kirche2011.de habenTheologiestudierende die Möglichkeit eingerichtet, das Memorandum online zu unterzeichnen. Als Widerspruch zum Memorandum versteht sich die Petition “Pro Ecclesia”, die ebenfalls auf die Möglichkeit der Online-Unterstütung setzt. Ich habe die Initiatoren beider Online-Aktionen für unser Blog per E-Mail interviewt: Franca Spies und Peter Hohler (Memorandum) sowie Peter Winnemöller (Petition).

N.K.: Franca Spies, Peter Hohler, Sie sind Initiatoren der Unterstützung für das “Memorandum Freiheit”. Auf Ihrer Website kirche2011.de ermöglichen Sie über eine Online-Petition, das Memorandum zu unterzeichnen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Franca Spies, Peter Hohler:
In den letzten Wochen haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Professorinnen und Professoren durch ihr Memorandum dem Anliegen vieler Gläubigen eine Stimme verliehen haben. Wir erleben viel Begeisterung und Dankbarkeit für unsere Initiative. Besonders freut uns das hohe Interesse an der Zukunft der Kirche und die Bereitschaft zur theologischen Auseinandersetzung damit.

Memorandum Freiheit

N.K.: Bis heute haben über 8100 Menschen die Online-Petition auf Ihrer Website unterstützt. Haben Sie mit einer so großen Zahl gerechnet?

Franca Spies, Peter Hohler: Am Anfang waren wir so auf die Sache konzentriert, auf die Diskussion rund um das Memorandum, dessen Anliegen und unsere Initiative, dass wir uns wenig Gedanken um Zahlen gemacht haben. Heute sind wir positiv überrascht von dem großen Interesse, den guten Rückmeldungen und natürlich auch den Zahlen. Realistisch betrachtet muss man aber sagen – und das gilt nicht nur für unsere Seite -, dass die Beteiligung und das Interesse an kirchlichen Fragen in Deutschland mittlerweile so gering ist, dass nur ein verschwindend kleiner Bruchteil aller deutschen Katholiken im Rahmen dieser Diskussion überhaupt Stellung bezogen haben. Wir sehen das als ein erschreckendes Symptom der Krise.

Was die Zahlen angeht: Für die Unterstützer unserer Seite ist es sicherlich aufbauend zu bemerken, dass viele andere Gläubige ihre Anliegen teilen. Uns als Initiatoren sind die Zahlen weniger wichtig als theologische Argumente und eine möglichst verbreitete sachliche Auseinandersetzung damit. Insofern sehen wir in den Zahlen den Erfolg unserer Informationsarbeit, wollen damit aber keine demokratische Mehrheit herstellen.

N.K.: Auf Ihrer Website bieten Sie nicht nur die Möglichkeit an, das Memorandum zu unterschreiben. Unter dem Menüpunkt “Hintergründe” setzen Sie sich auch differenziert mit dem Text der Theologieprofessoren auseinander. Zuweilen interpretieren Sie ihn auch. Mal zugespitzt gefragt: Ist der Memorandum-Text so schwammig, dass Sie eine eigene Exegese dazulegen müssen, um zu erklären, was bei einzelnen Punkten gemeint ist bzw. gemeint sein könnte?

Franca Spies, Peter Hohler: Das Dokument ist relativ offen formuliert und bietet damit zunächst einen recht breiten Interpretationsspielraum. Das ist aber auch seine Aufgabe! Es handelt sich ja nicht um eine theologische Abhandlung, sondern ein Memorandum, und das heißt übersetzt „etwas, an das man sich erinnern sollte“ und meint damit einen Denkanstoß. Diesen Anstoß greifen wir auf, äußern unsere theologisch fundierte Meinung dazu und versuchen so, zu einem differenzierten Dialog beizutragen.

Im Zuge dessen steht jeder und jedem einzelnen das Recht auf ein vernünftig verantwortbares Urteil zu. Dazu braucht es die individuelle Auseinandersetzung mit entsprechend sachlichen Argumentationen.


N.K.: Peter Winnemöller, Sie sind Initiator der Petition “Pro Ecclesia”, die ausdrücklich als Antwort auf das Memorandum verfasst wurde. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Peter Winnemöller: Wir haben im Team die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen dankbar sind. Sie sind vor allem dankbar, dass nun einmal diejenigen öffentlich ihre Stimme erheben, die sonst eher schweigen oder verschwiegen werden. Die Medienpräsenz von Theologieprofessoren und sogenannten kirchlichen Reformgruppen nehme ich als unproportional höher wahr als ihre innerkirchliche Bedeutung.

Petition pro ecclesia

N.K.: Sie haben ebenfalls mehrere Tausend Unterschriften gesammelt, aber es sind deutlich weniger als für das Memorandum. Ist die Petition ein Minderheiten-Votum?

Peter Winnemöller: Wir haben aktuell über 6000 Unterschriften. Bedenkt man, dass die Klientel, für die wir sprechen, sehr zurückhaltend ist, dann tue ich mich schwer mit dem Begriff Minderheiten-Votum. Wir sind nicht in der Lage, zahlenmässig dem gesellschaftlichen Mainstream Paroli zu bieten, doch war auch nie unsere Absicht.

Wenn Sie sich die Liste der Memorandumsunterzeichner ansehen, werden Sie direkt sehen, dass hier eine erhebliche Anzahl von Nichtkatholiken unterzeichnet. Bei unserer “Petition Pro Ecclesia” sind es ausschließlich Katholiken, die ihr durch Unterschrift zustimmen. So kann man doch sagen, dass unsere Petition innerkirchlich eine ganz andere Relevanz hat.

N.K.: In der Petition heißt es über das Memorandum und den Brief der CDU-Politiker: “Diese Forderungen an die Bischöfe fügen der Kirche großen Schaden zu. Gläubige werden verunsichert, getäuscht und in die Irre geführt.” Das sind schwere Vorwürfe. Ist das nicht zu dick aufgetragen?

Peter Winnemöller: Das glaube ich nicht. Es wird in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt, die Bischöfe in Deutschland könnten einen Sonderweg gehen, sie müssten sich nur dazu entschließen. Das geht aber nicht. Die Kirche ist Weltkirche und nicht Nationalkirche.

N.K.: Eine Frage an alle: Memorandum und Petition haben zum Teil große Zustimmung erfahren, sind aber auch auf Kritik oder schroffe Ablehnung gestoßen. Wie erleben Sie die Kontroverse?

Peter Winnemöller: Im Augenblick erleben wir etwas, das vielleicht zukunftsweisend für die Kirche sein könnte. Die öffentliche Diskussion verliert ihre Einseitigkeit. Wenn auch dieser Prozess nur schleppend voran geht, da die Mehrzahl der Medien zwar in epischer Breite über das Memorandum berichtet, die Petition jedoch möglichst verschweigt. Eine solche Einseitigkeit erschwert natürlich auch den Dialog. Im Grunde kann man den Verfassern des Memorandums für ihren Vorstoß dankbar sein, denn erst dadurch wurde es möglich, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein darüber zu wecken, dass es auch noch andere Ansichten gibt. Als Beispiel seien da neben vielen Unterzeichnern der Petition auch die Äußerungen von Prof. Ockenfels oder Kardinal Kasper genannt.

Es ist ja keinesfalls so, dass da, wo das breiteste Schild „Wir die Basis“ draufklebt, auch wirklich die Basis drin ist.

Franca Spies, Peter Hohler:
Der Ehrlichkeit halber sollten wir sagen, dass wir die Kontroversen in den Fakultäten und Gemeinden Deutschlands nur eingeschränkt mitbekommen, da wir in Jerusalem studieren. Aus Diskussionen im Internet ergibt sich für uns ein sehr zwiespältiges Bild. An vielen Stellen lesen wir vor allem emotional aufgeladene Beiträge, die sich durch mangelnde Sachlichkeit und durch Polemik auszeichnen. Faktisch trägt das nur zu einer Verhärtung der Fronten bei, die sich darin zeigt, dass dem jeweils anderen die gute Absicht und sogar der rechte Glaube abgesprochen wird. Andererseits erleben wir auch einen wissenschaftlich geführten Diskurs, z.B. MFThK, dem es wirklich um die Sache und nicht um persönliche Vorlieben geht. Auch aus persönlichen Rückmeldungen, die uns erreichen, geht hervor, dass ein Interesse an differenzierter Auseinandersetzung vorhanden ist, das in Sorge um die Zukunft der Kirche und in tiefem Glauben begründet liegt.

N.K.: Memorandum und Petition haben ja nicht nur eigene Websites. Diskussionen über die beiden Texte spielen sich in sozialen Netzwerken und in Blogs ab. Wie wichtig ist das “Social Web” für Ihre Anliegen und darüber hinaus für die Dialoginitiative?

Franca Spies, Peter Hohler: Die Funktion des Internets erleben wir als ambivalent. Polemische Beiträge zeigen uns, dass sich das Internet für tiefere Diskussionen, die ein emotionales Thema behandeln, nicht eignet. Hier werden Diskussionen nicht auf angemessenem Niveau und in der gebotenen Sachlichkeit geführt. Grund dafür scheint zu sein, dass Anonymisierung und ein fehlendes Gegenüber, das direkt wahrnehmbare Reaktionen auch auf emotionaler Ebene zeigt, die Hemmschwelle für Polemik und Beleidigung senken. Als Medium, über das Information verteilt und ein Bildungsauftrag erfüllt werden kann, halten wir das Internet hingegen für sehr geeignet.

Peter Winnemöller:
Im „Social-Web“ sehe ich ein große Chance, einen Meinungsbildungsprozess auch unabhängig von etablierten Medien zu betreiben. In den katholischen Weblogs wird z.B. regelmäßig sowohl über die Petition als auch über das Memorandum berichtet. Natürlich werden hier Meinungen viel dezidierter vertreten, als in den Medien der großen Verlagshäuser, doch das darf und soll auch so sein.

Die Vernetzung untereinander bewirkt auch, dass es Berührungspunkte mit Vertretern anderer Meinungen gibt. Dabei zeigt sich oft, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Es gibt punktuelle Zustimmung und punktuelle Ablehnung, dies kann uns vor Lagerbildung bewahren, die wie ein Damoklesschwert über dem angestrebten Dialog schwebt. Auch wenn ich selber im Augenblick kaum dazu komme, mit dem einen oder anderen in eine Diskussion zu treten, so nehme ich genau das bei vielen, mit denen ich vernetzt bin, deutlich wahr. Beeindruckend empfinde ich die völlig undiplomatische Ehrlichkeit, mit der die Positionen vertreten werden.


N.K.: Mit Memorandum und Petition stehen sich nun Position und Gegenposition wie zwei Fronten gegenüber. Wie kann es gelingen, aus dieser Konfrontation zu einem Dialog überzugehen?

Peter Winnemöller: In einen Dialog treten kann ich nur dann, wenn ich die Positionen des anderen sehr genau kenne. Umso wichtiger ist eine klare Sprache in der Auseinandersetzung. Deshalb würde ich hier auch weniger von einer Konfrontation reden, als von Positionsbestimmung, die lange überfällig ist. Der Dialog lebt doch geradezu davon, dass ich die Position des Dialogpartners mindestens so gut kenne wie meine eigene Position.

Franca Spies, Peter Hohler: Ziel unserer Seite ist nicht das Unterschreiben irgendwelcher Forderungen. Wer unsere – in mühevoller Arbeit erstellten – Hintergründe liest, dem wird klar, dass wir ein starkes Interesse daran haben, Frontenbildung zu vermeiden. Vielmehr wollen wir gerade durch unser Informationsangebot eine vorschnelle Verurteilung verhindern und so die Frontenbildung zumindest abschwächen.

N.K.: Bei Facebook vernetzen sich jeweils die Memorandum-Unterstützer und die Petition-Befürworter. Die beiden “Lager” bleiben aber weitgehend unter sich. Es wird eher nicht mit den anderen geredet, sondern übereinander. Welche Orte des Dialoges sehen Sie im Internet? Oder: welche Orte müssten noch geschaffen werden?

Franca Spies, Peter Hohler: Das Internet dient unserer Ansicht nach in erster Linie der Informationsverbreitung und ist ein ungeeignetes Medium für Diskussionen. Solange Emotionen nur sehr eingeschränkt und nicht in Echtzeit übermittelt werden, kann im Internet kein Ersatz für echte zwischenmenschliche Diskussion geschaffen werden.

Peter Winnemöller: Ich sehe eigentlich nicht, dass die „Lager“ so streng getrennt sind. Jedenfalls habe ich niemanden aus meiner Facebook-Freundesliste gekegelt, weil er das Memorandum unterstützt. Sicher kommunizieren die einzelnen Gruppen nicht miteinander. Aber das tun ja schließlich die Fangruppen von Borussia Dortmund und FC Schalke auch nicht. Orte des Dialoges im Internet sind dann eher die eigenen Profilseiten, Internetforen und Kommentarbereiche von Weblogs.

N.K.: Zum Schluss die Frage: wie geht es nun konkret weiter? Sammeln Sie bis zur Bischofskonferenz Mitte März Stimmen und übergeben Sie die Listen dann persönlich dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz? Und was soll Ihrer Meinung nach dann geschehen?

Peter Winnemöller: Es ist mein Wunsch, die Möglichkeit zu bekommen, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im März die Petition und die Unterschriftenlisten persönlich zu übergeben. Bis dahin wird unsere Aktion noch weiter gehen. Was danach passieren wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Es wäre gut, dann ein Wort der Bischöfe zu den von uns vorgetragenen Bitten zu hören.

Franca Spies, Peter Hohler: Wie auf unserer Internetseite angekündigt, werden wir die Unterstützerliste der DBK zukommen lassen. Dann liegt es bei den Bischöfen, sich mit dieser Rückmeldung aus dem Kirchenvolk auseinanderzusetzen und sie zu bewerten. Wir würden uns wünschen, dass der Dialog nicht in einem Gremienkatholizismus endet, sondern auf allen Ebenen geführt wird. Nötig dafür ist, dass die Angst vor theologischer Bildungsarbeit abgelegt wird, damit die Sorge um die Zukunft der Kirche nicht die Sorge einer Minderheit bleibt.

Die Aufgabe der Bischöfe besteht darin, die verschiedenen Stimmen aufzugreifen, den Dialog zu strukturieren und als Impuls in die Weltkirche zu geben. Von „Weltkirche“ kann aber nur dort die Rede sein, wo in der Verpflichtung auf die Wahrheit des Evangeliums Einheit nicht mit Uniformität verwechselt wird.

Als theologische Leitlinie für den entstehenden Dialog muss unserer Meinung nach – im Anschluss an das Zweite Vaticanum – die Frage nach der sakramentalen Struktur der Kirche gestellt werden. Denn nur wenn die Kirche in einen Dialog mit der Welt eintritt, wird sie ihrer ureigenen Aufgabe gerecht: nicht um ihrer selbst willen zu existieren, sondern über sich hinaus auf Christus zu verweisen.

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Kommentare

[...] Artikel „Memorandum Freiheit und Petition pro ecclesia – Dialog, Debatte oder Frontenbildung?“ hier [...]

[...] in Kirchenfragen zu brechen. Wie Peter Winnemöller, der die Petition initiiert hat, im Interview mit dem Sende-Zeit-Blog sagt: Im Augenblick erleben wir etwas, das vielleicht zukunftsweisend für die Kirche sein könnte. [...]

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